Episodenguide

Teaser

Akt 1

Akt 2

Akt 3

Akt 4


AKT 1

 

EINBLENDE:

 

AUSSEN  STADT - TAG

 

Xena, Gabrielle und die Wachen stehen sich immer noch gegenüber. Xenas verblüffter Gesichtsausdruck geht langsam in einen ärgerlichen über.

 

GABRIELLE

(schnell sprechend)

Das ist lächerlich!

Wie soll ich ein Gesetz befolgen,

von dem ich nicht mal weiß, dass es existiert?

 

STIMME

(von außerhalb)

Unkenntnis des Gesetzes ist keine Entschuldigung.

(Pause)

Gabrielle.

 

Xena wirbelt herum und sieht eine FIGUR in einer SCHWARZEN ROBE MIT KAPUZE, die lässig näher kommt. Die Figur hat einen sehr stolzen Gang und Xenas Augen verengen sich. Sie erkennt die Stimme und den Gang, kann aber noch keinen Namen mit der Figur verbinden.

 

Der Mann entfernt grinsend seine Kapuze.

 

XENA

(knurrend)

Janos.

 

JANOS

Du erinnerst dich an mich, Xena.
Ich bin gerührt.

 

 

Xena greift nach ihrem Schwert, fest entschlossen, ihn in einer weit weniger angenehmen Art zu "berühren".

 

Janos Grinsen wird breiter, als ob er genau diese Entwicklung erwartet hat.

 

GABRIELLE

(leise)

Xena....

 

Eine Pause, und Xena entspannt sich und lockert den Griff um ihr Schwert.

 

Das Grinsen verschwindet langsam von Janos' Gesicht.

 

XENA

Was machst du hier, Janos?

Beschlossen, mir eine andere Falle zu stellen?

 

 

Janos Augen weiten sich in Unschuld. Es ist ein Blick, dem weder Xena noch Gabrielle besonderen Glauben schenken.

 

JANOS

Xena, ich mag gut genug sein,

um dir dein Chakram am helllichten Tag abzunehmen,

aber selbst ich bin kein Orakel.

Wenn ich einen Weg gefunden hätte,

dir hier eine Falle zu stellen,

wäre ich wohl kaum den ganzen Weg

nach Potedeia gegangen, oder?

 

Weder Gabrielle noch Xena glauben ihm so ganz, aber da es keinen Grund zu geben scheint, über diesen Punkt zu diskutieren, lassen sie es dabei bewenden. Für den Moment.

Janos Lächeln blüht auf, erfreut dass er die erste Runde gewonnen hat.

 

JANOS

(zu den Wachen)

Bringt sie zu den Zellen.
Ich komme gleich nach.

 

Gabrielle wehrt sich nur ein bisschen gegen die Wachen.

 

GABRIELLE

Wartet! Wartet mal.

 

Janos dreht sich langsam um und sieht sie an.

 

JANOS

Ja?

 

GABRIELLE

Kannst du uns wenigstens sagen,

warum du das hier machst?

 

Janos neigt seinen Kopf zur Seite. Der Ausdruck in seinen Augen zeigt, dass er sich fragt, ob Gabrielle nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

 

JANOS

(langsam)

Du hast ein Verbrechen begangen, Gabrielle.

Du gehörst vor Gericht, und falls du für schuldig

befunden wirst, musst du den Preis für deine Vergehen zahlen.

Du verstehst doch sicher das Konzept der Gerechtigkeit, oder?

(Pause)

Andererseits, nach all den Jahren mit Xena,

vielleicht auch nicht.

 

Xena knurrt.

 

Janos lacht, völlig unbeeindruckt.

 

JANOS

Nehmt sie mit.

 

Xena macht Anstalten, die Wachen zu stoppen, aber Gabrielle beruhigt sie mit einem Blick. Xena knurrt erneut, folgt stattdessen aber der kleinen Gruppe zum GEFÄNGNIS.

 

GABRIELLE

(zu den Wachen)

Ihr Jungs glaubt nicht zufällig,

dass ich ein Bad kriegen könnte, oder?

 

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN: GEFÄNGNISZELLE - TAG

 

Für eine Gefängniszelle ist Gabrielles relativ angenehm. Warm und trocken, sehr sauber und hell und von angemessener Größe. An der den Gittern gegenüber liegenden Wand liegt eine einzelne Pritsche.

Gabrielle hat die Wachen bezaubert und sitzt nun sauber und frisch auf der Pritsche, während eine immer noch dreckige und sehr ärgerliche Kriegerprinzessin vor den Gittern hin- und hertigert.

 

GABRIELLE

(leicht lächelnd)

Du gräbst noch ein Loch bis zum Tartarus

wenn du so weiter machst.

 

XENA

Gut. Dann werfe ich Janos rein

und überlass ihn Lucy.

 

 

Gabrielle lacht leise in sich hinein.

 

GABRIELLE

Bei 'Lucys' Zuneigung zu dir wirft er

ihn wahrscheinlich sofort wieder zurück.

 

Xenas Antwort wird durch Janos Ankunft abgeschnitten. Sie wirft ihm einen Blick zu. Er antwortet mit einem Grinsen.

 

JANOS

Hallo, Gabrielle. Ich nehme an,

man kümmert sich gut um dich?

 

GABRIELLE

Mal abgesehen davon, dass ich

gegen meinen Willen hier festgehalten werde, ja.

 

JANOS
Wenn der Prozess gut für dich läuft,

wird sich das bald ändern.

 

GABRIELLE

Was ist mit diesem Prozess?

(Pause)

Wer ist der Richter? Du? Scheint, dass

du mich bereits für schuldig befunden hast.

 

 

Janos lacht.

 

JANOS

Ich?  Oh nein, Gabrielle.  Ich bin bloß
der Gesetzgeber.  Die Richter sind
die Tugenden  höchstpersönlich.

 

GABRIELLE

Die Tugenden?

 

Janos setzt einen geschockten Gesichtsausdruck auf.

 

JANOS

Du weißt doch sicher,
wer die Tugenden sind, Gabrielle.

 

GABRIELLE

Ja, aber....

 

JANOS

Sie sind unsere Schutzpatrone.

So wie Athena es für Athen war,

bevor Xena es sich zur Aufgabe gemacht hat,

die Welt von ihrer Gegenwart zu befreien.

 

Xena antwortet mit einem kalten Blick auf den Seitenhieb.

 

JANOS

(weiter)

Und anders als die Schicksalsgöttinnen....

 

Er wirft Gabrielle einen pointierten Blick zu, den sie erwidert.

 

JANOS

(weiter)

…sind die Tugenden sehr lebendig

und haben eine enge Beziehung zu ihren Anbetern.

 

GABRIELLE

OK, und? Du … betest einfach zu ihnen und

sie tauchen auf und urteilen über mich, oder was??

 

Janos lacht.

 

JANOS

Es ist… ein bisschen komplizierter
als das, Gabrielle.

 

XENA

(knurrend)

Komm zum Punkt, Janos.

 

 

Janos ignoriert Xena und spricht weiter zu Gabrielle.

 

JANOS

Unsere Gesetze wurden uns von den Tugenden selbst
gegeben, und wenn man eines dieser Gesetze bricht,
beleidigt man die Tugenden. Der Prozess ist…
eine Art Test, erdacht von der Tugend,
deren Gesetz man verletzt hat.
(Pause)
Hättest du zum Beispiel den Bettler ignoriert
anstatt ihm ein Almosen zu geben,
hättest du das Gesetz der Barmherzigkeit gebrochen,
und sie hätte dir mit einem Test die Gelegenheit gegeben,
deine Schuld oder deine Unschuld zu beweisen.

 

GABRIELLE

Okay, das kann ich verstehen.

 

XENA

(extrem sarkastisch)

Dann nehme ich an, Sauber Sein

und Durch Einen Garten Wandern ist eine der Tugenden,

von denen wir bisher noch nichts gehört haben.

 

JANOS

(zu Xena)

Nein, eigentlich nicht. Der Heilige Garten

gehört allen Tugenden. 

 

Er lächelt. Es ist kein völlig angenehmer Ausdruck.

 

JANOS
(weiter, noch zu Xena)

Es ist dir gelungen, sie alle zu beleidigen.

Was natürlich bedeutet, dass du von allen

und jeder, die es wünscht, getestet wirst.

 

Gabrielle erhebt sich vom Bett und geht hinüber zu der vergitterten Tür.

 

GABRIELLE

Entschuldigung.

 

Janos wendet sich zu Gabrielle.

 

JANOS

Ja?

 

GABRIELLE

Ich bin diejenige, die hier

das 'Verbrechen' begangen hat.

 

JANOS

Das ist wahr. Meine Stellung als

Gesetzgeber erlaubt mir jedoch einen gewissen …

Spielraum bei den genauen Abläufen des Prozesses.

 

Er lächelt wieder.

 

GABRIELLE

(wütend)

Dann war es die ganze Zeit eine Falle!

 

 

JANOS

Nein. Um ehrlich zu sein, Gabrielle, das war es nicht.

Du hast ein Gesetz gebrochen. Und es ist nun

an mir dafür zu sorgen, dass es wieder gut gemacht wird. 

 

GABRIELLE

Fein! Ich werde mich eurem Prozess mit Vergnügen unterziehen.

Xena hat nichts damit zu tun.

Ich habe das Gesetz gebrochen, nicht sie.

 

JANOS
Wieder wahr, Gabrielle. Aber es sind

nicht immer die, die das Gesetz gebrochen

haben, zu deren Prüfung sich die Tugenden entscheiden.
(Pause)

Ungefähr vor einem Jahr gab es eine

junge Frau, die einem Mädchen,

das für ihre kranke Familie bettelte,

ein Almosen versagte. Von Rechts wegen

hätte ihr der Prozess gemacht werden sollen.

Als jedoch deutlich wurde, dass die junge Frau selbst

nur einen halben Schritt vom Betteln entfernt war,

weil ihr Mann ein Trinker war und dass weiterhin dieser Ehemann

sie schrecklich geschlagen hätte, wäre sie

ohne das Geld nach Hause gekommen, hat man entschieden,

stattdessen ihren Mann vor Gericht zu stellen.

 

GABRIELLE

(durch zusammengebissene Zähne)

Xena ist weder eine Trinkerin noch misshandelt sie mich.

 

JANOS

Meine Entscheidung ist gefallen, Gabrielle.  Der

Prozess beginnt in einer Stunde.

 

Janos entfernt sich, gefolgt von den Blicken beider Frauen.

Gabrielle wendet sich schließlich Xena zu.

 

GABRIELLE

Lass uns von hier verschwinden, Xena.

Es ist weit und breit keiner hier. Wir könnten weg sein,

bevor irgendjemand merkt, dass wir verschwunden sind.

 

 

XENA

(nachdenklich)

Ich denke, wir sollten bleiben.

 

GABRIELLE

(mit weit aufgerissenen Augen)

Was?

 

XENA

Du hast mich gehört.

 

GABRIELLE
Natürlich habe ich dich gehört. Ich bin nur nicht

sicher, ob ich glaube, was ich gehört habe.
(Pause)

Xena, egal was Janos sagt, dies ist eine Falle,

einfach und klar. Er ist wütend auf dich, weil du seiner

allmächtigen Falle entkommen bist, und

er würde alles tun, um es dir heimzuzahlen.

 

XENA

Ja, ich weiß, aber....

 

Sie seufzt.

 

XENA

(weiter)

Gabrielle, ich habe Janos etwas weggenommen.

Vielleicht ist dies meine Chance, etwas zurückzugeben.

 

GABRIELLE

(gereizt)

Er hat schon dein Chakram, Xena.

 

XENA
Mehr als das, Gabrielle.
(Pause)
Gabrielle, wenn wir weglaufen,

schau doch, wovor wir fliehen.
(Pause)

Tugend.  Wenn wir jetzt gehen, wird alles,

was er sein ganzes Leben über mich geglaubt hat, wahr sein.

 

GABRIELLE

Es wird nicht wahr sein, Xena!

 

XENA
In seinen Augen schon.
(Pause)
Du hast mir mal erzählt, dass der einzige Weg,

den Kreislauf der Gewalt und des Hasses

zu beenden, die Liebe ist. Vielleicht kann ich

ihm beweisen, dass mir die Dinge, die ich getan habe,

Leid tun, und dass ich mich wirklich verändert habe.

Vielleicht bringt ihm das eine Art Frieden.
(Pause)

Bricht das nicht den Kreislauf?

 

Gabrielle seufzt, deutlich unglücklich, dass sie von ihren eigenen Worten geschlagen wird, aber sie ist gleichermaßen nicht in der Lage, dagegen zu argumentieren.

 

Xena lächelt traurig und hebt die Hand, um Gabrielles Hände durch die Gitterstäbe zu ergreifen und sanft zu drücken.

 

XENA

(weiter)

Gabrielle, ich denke es ist das Beste, wenn wir bleiben,

aber wir stecken hier gemeinsam drin. Wenn du

wirklich gehen willst, sag es, und ich hol' dich hier raus, okay?

 

 

Gabrielle nickt langsam und sieht dabei auf ihre Füße herab. Nach einem Moment schaut sie Xena wieder an.

 

GABRIELLE

(langsam)

Ich glaube an dich.

(Pause)

Und… ich glaube, dass du vielleicht auch

ein bisschen Frieden bei dieser Sache finden kannst.

 

Xena schenkt ihr ein schwaches Lächeln und drückt noch einmal Gabrielles Hände.

 

XENA

Vielleicht.

 

Beide drehen den Kopf als sie Schritte im Korridor hören. Janos betritt den Raum, überrascht, und vielleicht auch etwas enttäuscht. Er wird begleitet von mehreren Wachen.

 

JANOS

Ihr seid noch hier?

 

Xena grinst.

 

XENA

So leicht wirst du uns nicht los.

 

Ein leichter Blick der Besorgnis huscht über Janos Gesicht, bevor er eine geschäftsmäßige Maske annimmt.

 

JANOS

Dann nehme ich an, du bist bereit?

 

XENA

Für alles.

 

 

Janos nickt und eine der Wachen öffnet die Tür zu Gabrielles Zelle.

Die Gruppe geht vom Gefängnis zu einem kleinen, dunklen Gebäude genau im Zentrum der Stadt.

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN: TEMPEL DER TUGENDEN - ABEND

 

Der TEMPEL ist ein kleines, dunkles achteckiges Gebäude. Sieben der Innenwände sind verziert mit Basreliefs, die die sieben Tugenden darstellen, während das Basrelief der achten Wand Bittsteller zeigt, die den Tugenden huldigen.

Der Raum wird durch Fackeln in Wandhaltern erhellt, die ein flackerndes Licht auf das düstere Innere werfen.

Janos und Gabrielle sitzen nebeneinander auf einfachen Holzstühlen am Kopf des Raumes gegenüber dem einzigen Ausgang. Eine Wache steht neben der Tür, Speer an seiner Seite. Die anderen warten draußen.

Genau im Mittelpunkt des Raumes steht ein einfacher, grob gearbeiteter Holztisch und auf dem Tisch befindet sich Xena, nur in ihrem Hemd. Ihr Lederkleid, Rüstung und ihre Waffen sind verschwunden.

 

 

 

An einer Ecke des Tisches steht ein GROSSER SPIEGEL, der das Bildnis des ganzen Raumes mit übernatürlicher Klarheit widerspiegelt.

Ein bedeckter Priester, das Gesicht verdeckt durch eine schwere KAPUZE steht neben Xena, mit einem KELCH in den Händen.

 

JANOS

Die Tests, die dir bevorstehen, Xena,

kommen aus den Tiefen deines eigenen Geistes.

Du kennst natürlich die Traumlandschaft?

 

XENA

Ja, kenn' ich.

 

JANOS

Du darfst keinen Zwang, keine Waffen,

keine Gewalt anwenden. Tust du es, bist du

automatisch gescheitert und Gabrielle wird für

schuldig befunden. Verstehst du das?

 

XENA

Ja.

 

JANOS

Deine Freundin kann dir nicht helfen, Xena.

Diesmal bist du alleine.

 

XENA

Ich verstehe.

 

JANOS

Gut. Dann lasst uns beginnen.

 

Auf ein Nicken von Janos hebt der Priester den Kelch an Xenas Lippen.

 

GABRIELLE

Warte!!

 

Gabrielle beginnt aufzustehen, nur um von Janos Hand an ihrem Arm zurückgehalten zu werden.

 

GABRIELLE

(zu Janos)

Was gibt er ihr?

 

Janos lächelt.

 

JANOS

Wenn ich Xena töten wollte,

hätte ich das jederzeit vorher tun können.

 

GABRIELLE

Du hättest es versuchen können.

 

 

Janos nickt, den Punkt eingestehend.

 

JANOS

Es ist ein Schlafmittel, nichts weiter.

 

Gabrielle sieht nicht überzeugt aus.

Janos seufzt, sehr nahe daran, wirklich ärgerlich zu sein.

 

JANOS

(weiter)

Glaubst du wirklich, Xena würde

absichtlich Gift schlucken und zulassen,

dass sie stirbt, nur um etwas zu beweisen?

 

GABRIELLE

(todernst)

Du kennst sie nicht besonders gut, oder?

 

Janos sieht etwas verwirrt aus bei Gabrielles Antwort, dann wischt er sie mit einer Handbewegung weg.

 

XENA

(leise)

Es ist in Ordnung, Gabrielle.

 

Gabrielle dreht sich zu Xena, ihre Augen flehend.

 

GABRIELLE

Xena....

 

Xena lächelt.  Es ist ein kleines, fast trauriges Lächeln.

 

XENA

Es ist in Ordnung.

 

Sie neigt leicht den Kopf und erlaubt dem Priester den Kelch zu kippen. Sie nimmt einen kräftigen Schluck von der scharfen Flüssigkeit.

 

Dann dreht sie sich zurück zu Gabrielle.

 

XENA

Nur Schlafkräuter, wie er gesagt hat.

 

 

Gabrielle entspannt sich etwas.

 

XENA

(weiter, leicht undeutlich)

Lieb' dich, Gabrielle.

 

Gabrielle lächelt, während eine Träne ihre Wange hinunterläuft.

 

GABRIELLE
 Ich liebe dich, Xena.

 

Xena nickt und erlaubt dann dem Priester sie flach auf den Tisch zu legen.

Einen Moment später schläft sie tief und fest.

 

ABBLENDE.

 

ENDE DES ERSTEN AKTES

 

AKT 2