Episodenguide

Teaser

Akt 1

Akt 2

Akt 3

Akt 4


AKT 2

 

EINBLENDE:

IINNEN. TEMPEL DER TUGENDEN - TAG

Janos steht auf und wendet sich dem Wandbild einer der Tugenden zu. Sie steht und trägt fließende Gewänder mit einer spitzen Kopfbedeckung. Sie hält einen Stab in ihrer rechten Hand, der mit einem vielzackigen Stern gekrönt ist, eine offene Schriftrolle in ihrer linken.

 

JANOS

Große Tugenden. Ich flehe euch an, uns bei

dieser Prüfung von Schuld oder Unschuld beizustehen.

Langt tief in ihre Seele, auf dass wir ihren GLAUBEN erkennen!

 

ÜBERBLENDE ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT - TAG

 

Mit der anhaltenden Übelkeit kämpfend, die ihr Inneres verdreht her, kommt Xena langsam zu Bewusstsein. Obwohl ihre Augen fest geschlossen sind, fallen ihr sofort verschiedene Dinge auf. Erstens ist es äußerst heiß. Zweitens kann sie überall um sich herum klägliches Stöhnen, Kreischen und Jammern hören. Und drittens fällt ihr auf, dass sie auf einer sehr schmalen, sehr harten und sehr heißen Oberfläche liegt, die droht ihr die Haut von den Knochen abzukochen.

 

Die Augen aufreißend springt sie auf ihre Füße und balanciert unsicher auf einem Rasierklingen-schmalen Vorsprung, der aus einem unglaublich hohen Abhang hervorragt. Unter ihr befindet sich ein bodenloser Abgrund, von dem die gequälten Geräusche empor wehen.

 

XENA

Klasse. Tartarus – schon wieder.

DAS ist wirklich originell.

 

 

Über den gähnenden Abgrund starrend kann sie gerade noch schwach einen anderen Abhang direkt ihr gegenüber erkennen. Es ist kein Weg von der einen auf die andere Seite sichtbar, doch sie fühlt, dass die Überwindung des Abgrunds zu ihren Füßen zu ihrem Test gehört, was immer dieser auch genau sein mag.

 

Kopfschüttelnd und die Augen rollend, beginnt sie nach einer Überquerungsmöglichkeit zu suchen.

 

KÖRPERLOSE STIMME

Xena....

 

Xena blickt sofort auf, ihre Augen verengen sich. Die Stimme kam von dem anderen Abhang, doch sie kann dort niemanden stehen sehen.

 

KÖRPERLOSE STIMME

Xena....

 

XENA

Wer spricht da? Wer ist dort?

 

Direkt gegenüber von Xenas Position bildet sich ein Ball aus weißem Licht und wächst. Es ist so rein und so strahlend, dass Xena ihre Augen mit ihrer Hand abschirmen muss, um nicht geblendet zu werden.

 

Das Strahlen lässt etwas nach und Xena nimmt ihren Arm herunter. Ihre Augen weiten sich.

 

Dort, ihr gegenüber, steht Gabrielle, leuchtend wie das Herz der Sonne. Sie trägt fließende Kleider von reinstem Weiß. Der Stoff ihrer Kleidung fließt um sie in einem Tanz von unglaublicher Schönheit. Sie lächelt strahlend.

 

 

XENA

Gabrielle!

(Pause)

Wie…? Was machst du denn hier?

 

GABRIELLE

Ich lebe in deinem Herzen, Xena.

So sieht mich deine Seele.

 

 

Xena nickt, ihre Tränen schluckend.

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN. TEMPEL DER TUGENDEN - ABEND

 

Gabrielle lehnt sich in ihrem Stuhl nach vorne; mit Hilfe des Spiegels bei dem Tisch beobachtet sie alles, was in Xenas Traumwelt passiert. Tränen glitzern in ihren Augen. Ihr Gesicht zeigt eine interessante Kombination von Ehrfurcht, Liebe und einer seltsamen Verzweiflung.

 

GABRIELLE

Ist das wahr? 

Sieht sie mich wirklich so?

 

 

Janos rutscht unbequem in seinem Stuhl.

 

JANOS

Ja.

 

GABRIELLE

Nach allem, was ich… nach allem, was wir

durchgemacht haben ... noch immer?

 

Janos verändert seine Position erneut.

 

JANOS

Noch immer, ja.

 

GABRIELLE

(flüsternd)

Bei den Göttern.

 

ÜBERBLENDE ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT – TAG

 

XENA

Warum bist du hier?

 

GABRIELLE

Dies ist eine Prüfung des GLAUBENS, Xena.

 

XENA

Glauben? Glauben in was? In wen?

 

GABRIELLE

In dich selbst, Xena.

 

XENA

(fragend)

In mich selbst? Aber ich glaube bereits an mich.

 

 

GABRIELLE

An deine Fähigkeiten, ja. Aber glaubst du

auch an dein Herz? Glaubst du an dich selbst

als einen guten Menschen? Ein Glauben,

der so unerschütterlich ist, wie der Berg,

auf dem du jetzt stehst?

 

Xena zögert, da sie weiß, dass dies der Teil der Prüfung ist, den sie unbedingt bestehen muss.

 

XENA

(gedämpft)

Rasch gesprochen, lange bereut.

 

Sie blickt in den Abgrund hinunter.

 

XENA

(weiter)

Dort unten werde ich jede Menge

Zeit zum Bereuen haben.

 

Sie atmet tief ein und dann langsam wieder aus.

 

XENA

(weiter)

Wie werde ich wissen, dass ich diesen Glauben habe?

Wie kann ich sicher sein?

 

Gabrielle lächelt.

 

GABRIELLE

Komm’ herüber zu mir.

 

 

Xenas Augen verengen sich.

 

XENA

Wie?

 

GABRIELLE

Dein Glaube in dich selbst wird deine Schritte leiten.

Glaub’ an dich selbst und komm’ zu mir herüber.

 

Gabrielle streckt ihre Arme wie flehend aus.

 

Xena zögert noch einen Augenblick, dann, ihre Willenskraft zusammennehmend, entspannt sie sich, schließt ihre Augen und macht einen Schritt in den Abgrund.

 

Ihre Augen fliegen auf, als eine unsichtbare Macht ihren Fuß aufhält; es fühlt sich genauso fest und solide an wie die Felswand, an der der Großteil ihres Körpers noch immer lehnt.

 

Sie wirft Gabrielle einen Blick hinüber, die ein strahlendes Lächeln aussendet.

 

Xena räuspert sich, und mit mindestens genauso viel Mut wie sie je auf einem Schlachtfeld gezeigt hat, macht sie einen weiteren Schritt, die Sicherheit des Felsvorsprungs hinter sich lassend.

 

Die unsichtbare Brücke ist weiterhin solide.

 

Genau in diesem Augenblick steigt ein Windstoß aus der Grube auf und bringt den Gestank von Schwefel mit sich. Xena wankt etwas, steht dann aber sicher.

 

Dem Gestank folgend, ergießen sich zarte, durchsichtige SEELEN aus der Grube nach oben und fliegen so dicht an Xena vorbei, dass sie im Versuche, ihnen auszuweichen, wieder ins Schwanken gerät. Sie bewegt sich, weicht aus und duckt sich, wobei sie dennoch ihre unsichere Position über dem bodenlosen Abgrund beibehält.

 

Als die Seelen an ihr vorbei kommen, beginnt sie, in ihnen die Gesichter derer zu erkennen, die sie getötet hat. Ihre Münder sind in stummen Schreien gefrorene Schlünde. Ihre Augen und Wangen tragen die blutigen Spuren von Fingernägeln, die ihr materieloses Fleisch qual- und schmerzvoll aufreißen. Ihr Name wird wieder und wieder ausgestoßen, als die Seelen über und um sie strömen.

 

SEELE #1

Xena....

 

SEELE #2

Xena… warum....

 

SEELE #3

Xena… warum hast du uns getötet?

 

SEELE #4

Warum hast du uns Schmerzen zugefügt?

 

SEELEN

Warum? Xena. Warum? Xena. Warum?

 

Xena widersteht kaum der Versuchung, ihre Hände auf ihre Ohren zu pressen. Ihr eigenes Gesicht ist eine Grimasse aus Schmerz und Qual.

 

XENA

Diese Person bin ich nicht mehr!

 

 

SEELEN

Xena....

 

XENA

Es tut mir leid!

 

SEELEN

Xena....

 

XENA

Es tut mir leid, dass ich euch verletzt habe!

 

SEELEN

Xena....

 

XENA

Es tut mir leid, dass ich euch getötet habe!

 

SEELEN

Xena....

 

Während Xena die Schuld über ihre Handlungen fühlt, beginnt die unsichtbare Brücke zu schwanken. Sie kann fühlen, wie sie unter ihren Füßen rissig wird. Sie breitet ihre Arme aus, um sicherer zu stehen, während ihr Körper wild hin und her geschüttelt wird.

 

XENA

Das ist alles nur in meinem Kopf. Nichts davon ist echt.

Keiner von euch ist echt.

 

Gabrielles Stimme übertönt das Jammern der Seelen ganz leicht.

 

GABRIELLE

Doch, Xena, sie sind echt. Sie sind die Geister

deines Gewissens, die dich mit sich

hinabziehen wollen. Vergib dir selbst, Xena.

Vergib dir selbst und lass’ los.

Lass’ alles gehen. Glaube!

 

XENA

(zu sich selbst)

Du bist auch in meinem Kopf.

 

GABRIELLE

Ja, das bin ich. Alle Antworten, die

du brauchst, sind bereits in dir.

Was du mit ihnen anfängst, wird deinen Glauben beweisen.

 

 

Xena schwankt weiterhin stark, während die Brücke unter dem Gewicht ihres Gewissens immer unsicherer wird.

 

XENA

(zu sich selbst)

Glauben. Ich muss glauben.

Ich muss glauben.

 

Sie richtet sich auf und bringt sich dazu, fest zu stehen, in dem Versuch, die Brücke unter ihr wieder stärker werden zu lassen. Zurückgehen, kommt nicht in Frage. Entweder geht sie vorwärts oder sie scheitert.

 

SCHNITT ZU:

 

INNNEN. TEMPEL DER TUGENDEN - ABEND

 

Gabrielle sitzt in ihrem Stuhl so weit nach vorne gelehnt, dass es ein Wunder ist, dass sie nicht einfach vornüber auf den Boden kippt. Ihre Hände umschließen die Armlehnen wie eine Schraubzwinge und ihre kurzen Nägel krallen sich in das alte Holz. Ihr Gesicht ist bleich, ihre Augen groß und auf das Bild vor ihr konzentriert.

 

In deutlichem Gegensatz dazu ist Janos entspannt und grinst so breit er nur kann; offensichtlich amüsiert er sich prächtig.

 

JANOS

Ihre erste Prüfung, und sie schafft es nicht.

(Pause, dreht sich zu Gabrielle)

Glaubst du mir nun?

 

GABRIELLE

Sie wird nicht scheitern.

 

 

JANOS

Wie kannst du das sagen? Sie wird jeden Augenblick

in diesen Abgrund stürzen!

 

GABRIELLE

Sie wird nicht scheitern.

 

Janos Lächeln schwindet etwas, er setzt sich zurück und wendet seine Aufmerksamkeit wieder dem Spiegel zu.

 

SCHNITT ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT - TAG

 

Xenas Augen verändern sich. Entschlossenheit ist ihnen deutlich abzulesen. Sie dreht sich um und sieht wieder nach vorne; ihr Körper ist stark und steht fest.

 

XENA

Ich……

 

XENA

(weiter)

bin...

 

XENA

(weiter)

NICHT...

 

XENA

(weiter)

MEHR...

 

XENA

(weiter)

dieser...

 

XENA

(weiter)

Mensch!

 

 

Sie macht einen Schritt nach vorne, und die Seelen zerstieben in brillantes Licht, das sie überflutet, während die Brücke unter ihren Füßen wieder fest und sicher wird.

 

Entschlossen macht sie einige weitere Schritte, und die unsichtbare Brücke entfaltet sich weiterhin vor ihren Füßen, stark und sicher.

 

Auf halbem Weg blockiert sie ein großer Körper.

 

Xena hält erneut an und verdreht ihre Augen.

 

XENA
Hätte ich mir denken können. Gibst du niemals auf?

 

ARES

Wohl kaum, meine Liebe.

Dafür bin ich nun wirklich nicht der Typ.

 

XENA

Geh’ mir aus dem Weg, Ares.

Das geht dich nichts an.

ARES
(lachend)
Du verletzt mich, Xena.

Alles, was dich betrifft, geht mich etwas an.

 

Seine dunklen Augen streichen lüstern über ihren Körper.

Xena verdreht wieder die Augen. Sie versucht, ihn mit Gesten zu verscheuchen.

 

XENA
Verschwinde jetzt.

Spiel’ deine kleinen Spielchen ein anderes Mal.

ARES
Sorry, aber…kann ich nicht machen, fürchte ich.

Sieh’ mal, ich hab’ hier ein persönliches Interesse.

Mit anderen Worten: Du verlierst, ich gewinne.

 

Ares greift in seine Jacke und zieht einen GOLDENEN APFEL heraus. Grinsend wirft er ihn in den Händen hin und her.

 

XENA
(misstrauisch)
Wo hast du das her?

 

Ares zuckt mit den Schultern.

 

ARES
(lässig)
Odin und ich… wir reden.

 

Ares lacht.

 

ARES
(weiter)

Er scheint irgendwie von dir besessen zu sein -

wenn du dir das vorstellen kannst.

 

Xena wirft ihm ein spöttisches Lächeln zu, das ihre Augen aber nicht recht erreicht.

 

ARES
(weiter)
Er schuldete mir einen Gefallen. Ich habe ihm einige

neue Walküren beschafft, um die zu ersetzen,

die du so beschämt hast, dass sie gekündigt haben.

Und als Gegenleistung gab er mir dies.
(Pause)
Er gehört dir, du musst nur das magische Wort sagen.

XENA
Und welches Wort wäre das?

 

Ares grinst.

 

ARES
Oh, ich könnte mir einige vorstellen. Aber ich

bin mit dem altbewährten und wahren ‘Bitte’ zufrieden.

 



XENA
Warum sollte ich das tun wollen?

 

ARES
Unsterblichkeit, Xena. Denk’ darüber nach.

Du würdest niemals alt werden, niemals krank sein.

Niemals wieder ‚unabsichtlich’ deiner Freundin wegsterben.
(Pause)
Ich könnte dich zum Olymp bringen.

Wir würden einen riesigen Spaß haben.

Genau wie früher. Was sagst du dazu?


XENA
Vergiss’ es, Ares. Und nun mach,

dass du wegkommst, bevor ich dich von der Brücke kicke.

ARES
Ah ah ah. 
Denk’ dran,

Gewalt ist für dich tabu.

 

XENA
Ich werde improvisieren.

 

Ares mimt Erschrecken.

Seufzend geht Xena vorwärts.

Ares verschwindet, nur um hinter ihr wieder zu erscheinen. Er greift sie am Arm und dreht sie herum, bis sie ihn ansieht.

 

ARES
Du schuldest es mir, Xena!!

 

XENA
Wofür?!?!?

ARES
(Sein Gesicht wird rot)
Ich habe dich trainiert! Vor mir warst du ein Niemand,

eine kleine Möchtegern-Kriegsherrin. Ich habe dich zur Besten der Besten gemacht.

Die Welt hat zu deinen Füßen gezittert!

XENA
Ich bin nicht mehr dieser Mensch, Ares.

 

ARES
Ich habe dein Leben gerettet. Ich habe meine Göttlichkeit aufgegeben,

für dich!! Ich habe dich meine ganze Familie ermorden lassen,

nur um das Leben deiner Göre zu retten!

XENA
Und dafür habe ich dir gedankt, Ares. Für dein Opfer

wirst du immer meine Dankbarkeit haben.

Doch diese Schuld ist bezahlt. Ich habe dir deine Göttlichkeit zurückgegeben.

Mehr kann ich nicht tun.

 



ARES
Sicher kannst du. Nimm’ den Apfel.

Er ist gut. Du wirst es nicht bereuen.

XENA
Ich werde es mehr bereuen,

als du dir je vorstellen könntest.
(Pause)
Leb’ wohl, Ares.

ARES
(donnernd)
WAGE ES NICHT, MIR DEN RÜCKEN ZUZUKEHREN!!!

 

Xena geht weiterhin unerschrocken vorwärts.

 

ARES
NEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIN!

 

Während Xena weiter über den Abgrund schreitet, scheint sich die Luft zu verdichten und zu schimmern. Einige Meter entfernt nimmt ein Körper FORM an und scheint einfach in der Luft zu schweben. Xenas Augen weiten sich.

 

XENA

Solan?

 

Tränen springen in ihre Augen und ein zitterndes Lächeln rundet ihre Lippen,.

 

XENA

Solan? Wie bist du…?

 

Sie macht einen Schritt nach vorne. Die Figur weicht mit ausdruckslosem Gesicht die gleiche Distanz zurück. Xena bleibt stehen. Sie streckt ihre Arme aus, kann die Erscheinung ihres Sohns aber nicht berühren.

 

XENA

Solan? Was ist los?

Gibt es etwas, das…?

 

Die Luft verdichtet sich erneut, eine zweite Figur bildet sich, dicht neben der ersten.

 

XENA

Mutter?

 

 

Cyrene schlingt einen Arm um Solans schmale Schultern. Sie sehen einander an und blicken dann zu Xena. Ihr Gesichtsausdruck verweist weder auf Willkommen noch auf eine Vorwarnung; er erscheint eher konzentriert, ausschließlich auf sie.

 

XENA

Mutter, bitte. Um was geht es?

Was ist los?

 

Sie macht einen weiteren Schritt. Die Figuren weichen zurück, als würden sie von ihrer Essenz abgestoßen.

 

Ein dritter Körper formt sich in der Luft, und die Tränen, die bisher in Xenas Augen gefangen waren, laufen nun auf ihre Wangen über.

 

XENA

Lyceus? Bist du das?

(Pause)

Aber wie? Warum?

(Pause)

Mutter? Solan?

 

Sie streckt ihre Arme wieder aus; ihre Finger zittern fast als sie versucht, die Familienmitglieder zu berühren, die schon seit so langer Zeit tot sind.

 

Die Brücke unter ihren Füßen beginnt erneut zu zittern, und sie schwankt mit ihr, obwohl die Körper ihr gegenüber ruhig bleiben und unberührt von dem Aufruhr in Xenas Seele.

 

XENA

Bitte.

 

Sie macht einen Schritt. Sie wedelt mit den Armen, als sie nur auf leere Luft tritt. Sie macht einen Schritt zurück und versucht auf der rasch zusammenbrechenden Brücke wieder festen Halt zu finden.

 

XENA

Es ist meine Schuld, nicht wahr?

Meine Schuld stößt euch von mir?

 

 

Die Figuren antworten nicht, doch Xena weiß, dass sie Recht hat.

 

Ein Donnerschlag hallt durch den Abgrund und bringt die bereits schwankende Brücke zum Beben.

 

XENA

Ich dachte, damit wäre ich schon lange ins Reine gekommen.

Mit eurem Tod. Doch da habe ich mich wohl geirrt.

 

Sie wischt entschlossen die Tränen von Ihren Augen und Wangen.

 

Ein weiterer Donnerschlag wirft sie fast von der Brücke. Ihr Haar fliegt zurück, als Windstöße sie von allen Seiten treffen.

 

XENA

(weiter)

Ich liebe euch alle… so sehr.

Und ich hätte alles gegeben, um

euch in Sicherheit zu wissen. Sogar mein Leben.

(Pause)

Und ich weiß, dass ihr das auch wisst.

 

Der Wind lässt etwas nach.

 

XENA

(weiter)

Und ich weiß, weiß in meinem Herzen,

dass ihr mir vergeben habt.

(Pause)

Und auch, dass ich, um weitermachen zu können,

mir selbst vergeben muss, nicht für euch da gewesen zu sein,

als ihr mich gebraucht habt.

 

 

Die Figuren sehen sie weiter still an.

 

Xena schließt ihre Augen und atmet die feuchte, schwüle Luft tief ein. Ihr Kopf senkt sich erst und hebt sich wieder als sie die Schuld los lässt, die sich tief in ihrer Seele festgesetzt hat. Ihre Augen öffnen sich wieder, erfüllt mit neuer Entschlossenheit.

 

XENA

(weiter)

Mutter, Lyceus, Solan, bitte.

(Pause)

Lasst mich euch ein letztes Mal halten.

 

Und mit einem weiteren Akt großen Mutes überwindet sie den Abstand zu ihnen, ihre Arme weit zum Himmel geöffnet.

 

Die Vier treffen sich in einer Explosion von Licht.

 

STIMME

Es ist vollbracht.

 

Die Welt um sie herum explodiert in blendendem Weiß, das dann in einen einzigen schwarzen Punkt in sich selbst zurückfällt.

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN. TEMPEL DER TUGENDEN - ABEND

 

Gabrielle sackt in den Holzstuhl zurück; sie atmet schwer während Tränenströme ihren Wangen herunterrinnen.

 

Auf dem Tisch atmet Xena langsam und regelmäßig, noch immer tief schlafend.

 

Die Tränen aus dem Gesicht wischend, steht Gabrielle auf, wird aber wieder von einer Hand an ihrem Handgelenk gestoppt. Janos schüttelt langsam seinen Kopf. Sein Gesicht ist blass und erschöpft.

 

GABRIELLE

Aber ich muss..

 

JANOS

(sanft)

Du kannst ihr nicht helfen, Gabrielle.

 

GABRIELLE

Aber...

 

 

JANOS

Setz’ dich.

 

Gabrielle beißt die Zähne zusammen, aber gehorcht.

 

GABRIELLE

Was nun?

 

JANOS

Wir warten bis die Tugenden

für die nächste Prüfung bereit sind.

 

GABRIELLE

Gut..

 

 

Ihren Kopf an den Stuhl zurücklehnend und Janos bewusst ignorierend, schließt Gabrielle die Augen. Vor ihrem geistigen Auge bildet sie ein Bild Xenas und lächelt vor sich hin, als deren blaue Augen sich an ihren eigenen festsaugen.

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT - PASSAGE; RUHEBEREICH - NACHT

 

Ein seltsames Gefühl von Desorientierung überkommt sie, und als sie wieder ihre Augen öffnet, befindet sie sich mit Xena in einer schwach erleuchteten Passage. Sie liegen einander umarmend auf einem feuchten, warmen Boden.

 

GABRIELLE

(weiter)

Xena?

 

Xena öffnet ihrer Augen. Sie scheinen mit einer nur selten zu beobachtenden Freude zu glühen.

 

XENA

Ich habe sie gesehen, Gabrielle

 

GABRIELLE

Wen?

 

XENA

Mutter. Lyceus. Solan.

(Pause)

In den Elysischen Feldern. Ich habe sie gesehen.

Ich habe sie in meinen Armen gehalten. Es war....

 

Xenas Stimme verebbt als eine einzelne Freudenträne überläuft.

 

GABRIELLE

Oh, Xena....

 

Sie umarmen sich noch enger. Gabrielle streicht sanft und rhythmisch über Xenas Haar.

 

XENA

(mit gedämpfter Stimme)

Danke.

 

GABRIELLE

Du dankst mir? Wofür?

 

XENA

Dafür, dass du mir diese Chance gegeben hast.

 

Gabrielle kichert leise.

 

GABRIELLE

Ich habe es ja nicht unbedingt darauf angelegt, Xena.

 

Xena lehnt sich etwas von ihr weg und lächelt.

 

XENA

Vielleicht nicht, aber ich danke dir trotzdem.

 

GABRIELLE

Gern geschehen, denke ich. Wem du aber

wirklich danken solltest, bist du selbst.

Nur der Glaube, den du in dich hattest,

hat das alles möglich gemacht,. das weißt du.

 

XENA

Vielleicht....

 

Gabrielle grinst und umarmt Xena erneut.

 

GABRIELLE

Wie fühlst du dich?

 

Xenas Augenlider fallen.

 

XENA

Müde.

 

GABRIELLE

Ruh’ dich jetzt aus. Ich werde da sein.

 

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN. TEMPEL DER TUGENDEN - ABEND

 

Gabrielle wird durch eine Bewegung seitlich von ihr aus ihrer Träumerei geschreckt.

 

GABRIELLE

Wa…? Was ist los?

 

JANOS

Die Tugenden.

Die nächste Prüfung wird gleich beginnen.

 

Gabrielle wendet ihren Blick zu Xena.

 

GABRIELLE

(flüstert)

Viel Glück.

 

ABBLENDE:

 

ENDE DES ZWEITEN AKTES

 

AKT 3