Episodenguide

Teaser

Akt 1

Akt 2

Akt 3

Akt 4


AKT 3

 

EINBLENDE:

 

AUSSEN: XENAS TRAUMLANDSCHAFT- MORGEN

 

Der Himmel erstrahlt in Sonnenschein als Xena erwacht. Sie befindet sich neben einem großen, gepflegten HAUS am Rande eines blühenden DORFES. Das Haus ist groß und stabil, mit einem neu gedeckten Dach und einer breiten Veranda, die sich um drei seiner vier Seiten windet. Zwei SCHAUKELSTÜHLE stehen links von der breiten Tür und ein SCHULTERTUCH hängt über der Rückenlehne des entferntesten Stuhles.

 

Xena lässt ihren Blick vom Haus zu der Stadt wandern. So weit sie erkennen kann, erscheint sie friedlich, zufrieden und farbenfroh. Keine ärgerlichen Stimmen durchbrechen die Stille, die sie überall um sich herum spüren kann.

 

Die hellen Töne von Kinderlachen stören ihre Träumerei und sie sieht auf als vier Kinder, die sich an den Händen halten, ins Haus rennen.

 

Mehr Gelächter erklingt im Haus und, angezogen von ihrer natürlichen Neugier, steigt Xena leise die zwei Stufen bis zur Veranda. Sie steht im Schatten des überhängenden Daches als sie um die Ecke und durch die Tür nach innen schielt.

 

Der Raum wird belebt durch Kinder aller Altersstufen, die lachen und in dem großen, hellen Raum hin und her laufen. Die Menge teilt sich für einen Moment und Xena erstarrt, ohne zu merken, dass ihr der Mund leicht offen steht.

 

 

Vor ihr, in einem gut gepolsterten und abgenutzten Stuhl, sitzt Gabrielle. Viel älter als Gabrielle jetzt ist; ihr Haar ist ein strahlendes Schneeweiß und hängt lang und offen um ihre Schultern. Ihr Gesicht ist gezeichnet von einem Leben voller Lachen und ihre Augen sind, soweit Xena sie sehen kann, immer noch die strahlenden grünen Edelsteine ihrer Jugend. Ihr Körper ist schmaler, aber ungebeugt vom Alter und sie ist immer noch der schönste Anblick, den Xena je gesehen hat.

 

Ein kleines Kind von nicht mehr als zwei Jahren sitzt bequem auf ihrem Schoß, sein Kopf lehnt an ihrer Schulter und der Daumen ist sicher in seinem Mund verwahrt. Gabrielle schaukelt das Kind leicht, während ihre lachenden Augen umherwandern und die Mätzchen der anderen Kinder beim Spielen beobachten.

 

Diese Augen treffen Xenas für den Bruchteil einer Sekunde direkt, bevor sie ohne ein Zeichen des Erkennens weiterwandern. Xena fühlt einen kurzen Stich der Traurigkeit, bevor die Erkenntnis sie trifft.

 

XENA

(flüsternd)

Sie kann mich nicht sehen.
Großartig.  Ich bin ein Geist.

(Pause)

Mal wieder.

 

 

Seufzend tritt Xena aus den Schatten heraus und steht nun direkt vor der Tür. Die Kinder fangen an, sich hinzusetzen als Gabrielle eine Schriftrolle von dem Tisch an ihrer Seite nimmt. Sie bilden eine Traube zu ihren Füßen und blicken mit vor Erwartung glänzenden Augen zu ihr auf.

 

Xena kann das Lächeln auf ihren Lippen nicht verhindern, aber es schwindet schnell, als ein langer Schatten über die versammelte Gruppe fällt. Der Schatten bewegt sich, als ein Mann, groß, obwohl vom Alter leicht gebeugt, den großen Raum betritt. Er ist anscheinend in Gabrielles Alter und sieht irgendwie bekannt aus, aber Xena kann ihn nicht sofort einordnen. Dann stolpert der Mann über etwas auf dem Boden und seine Identität wird sofort klar.

 

XENA

Virgil.

 

Ihre Augen verengen sich, als ein Gefühl, das sie leicht als Eifersucht identifizieren kann, sie ergreift. Das Gefühl wird stärker, als Gabrielle ihn mit einem strahlenden Lächeln begrüßt und ihm die Wange entgegenhält, damit er sie küsst, was er auch ausführlich tut.

 

XENA

(seufzend)

Oh, Gabrielle....
Ich hatte so gehofft....

 

Ihre Augen weiten sich.

 

XENA

(weiter)

Hoffnung.  Darum geht es hier.
Meine Hoffnung.  Für dich.

(Pause)

Für uns.

 

Xena beobachtet still, wie Virgil sich abwendet, um mehrere Kinder aufzuheben, die um seine Aufmerksamkeit buhlen. Er kommt gut mit ihnen zurecht, lächelt und lacht, und es wird Xena klar, dass sie ihn sehr gerne mögen. So wie Gabrielle auch.

 

Xena seufzt wieder und wendet sich fast ab als Virgil zum Stuhl neben Gabrielles hinübergeht und sich setzt. Er nimmt Gabrielles Hand in seine und drückt sie zärtlich, bevor er sie wieder loslässt.

 

 

Irgendetwas hält sie jedoch vom Gehen ab und sie schaut weiter zu, als Virgil und Gabrielle, beides bedeutende Barden sich daran machen, eine Gruppe von Kindern zu erfreuen.

 

Ungewollt muss Xena beim Hören von Gabrielles Stimme lächeln, die trotz all der Jahre, die vergangen sind, im Prinzip unverändert ist, und ihren üblichen Bann über die Kinderschar verbreitet. Obwohl die Worte im Interesse der jungen, und in einem Fall schlafenden Ohren der Kinder leise gesprochen sind, ist der Tonfall von Gabrielles Stimme für Xenas oft aufgewühlte Seele so beruhigend wie eh und je.

 

Xena beobachtet Gabrielle sorgfältig während sie spricht. Die Jahre waren sehr gut zu ihr. Sie glüht mit Frieden und Zufriedenheit und eine Freude, die Xena oftmals für immer verloren geglaubt hat, strahlt aus ihren Augen.

 

Xena sieht zu Virgil hinüber, dessen Grinsen so sehr dem seines Vaters ähnelt,  und ein Blitz aus Schmerz explodiert erneut in ihr.

 

XENA

Das hätte ich sein sollen.

(Pause)

Ich sollte es sein.

 

Die Geschichte endet und die Kinder jubeln und fordern mehr. Xena wirft einen letzten, langen Blick auf Gabrielle, als ob sie die Vision in ihrem Herzen verwahren wolle. Sie macht einen Schritt weg, stoppt dann.

 

XENA

(weiter)

Nein.

 

 

Sie schwankt, gefangen zwischen Bleiben und Gehen.

 

XENA

(weiter)

Nein.  Wenn es hier um Hoffnung geht, dann

geht es um meine Hoffung.  Nicht nur

für Gabrielle, sondern auch für mich.

 

Sie seufzt und dreht sich wieder zurück.

 

XENA

(weiter)

So werde ich nicht gehen.

(Pause)

Ich kann nicht.  Wir gehören zusammen und

daran glaube ich mit ganzem Herzen.

 

 

Sie atmet tief durch, geht wieder zurück zur Schwelle und macht dann einen Schritt hinein.

 

Gabrielle sieht von den Kindern auf, wie immer angezogen von der seelentiefen Verbindung zwischen ihnen. Ihr Lächeln überstrahlt die Intensität der Sonnenstrahlen.

 

GABRIELLE

Xena!!

 

Virgil sieht auf, trifft Xenas Blick und grinst. Das Grinsen bringt ein Erröten mit sich und er zuckt schuldig mit den Achseln, während er sich von dem Stuhl an Gabrielles Seite erhebt und schnell aus dem Weg geht.

 

VIRGIL

(quasi lautlos)

Tschuldigung

 

Überrascht von Gabrielles Ausruf drehen sich die Kinder um. Dann strahlen sie selbst, springen auf und umzingeln Xena, halten sich an ihren Beinen und ihrer Taille fest, und begrüßen sie mit einer Ausgelassenheit wie es nur Kinder können.

 

Und plötzlich kennt sie sie alle, vom jüngsten (ihrem Urgroßenkel durch Eve) bis zum Ältesten (eins von Virgils). Als sie sich hinunterbeugt, um sie alle zu umarmen, fällt ihr eine silberne Strähne – ihre eigene, erkennt sie – in die Augen. Sie fühlt jedes einzelne Gelenk am Schmerz, jede einzelne Narbe an der Spannung ihrer Haut, jede Wunde, die sie je im Kampf erworben hat, und sie erkennt, dass sie in ihrem Leben noch nie so glücklich war.

 

 

Sie war besorgt gewesen, dass ihr Schritt über die Türschwelle die Zukunft ändern würde. Stattdessen erkennt sie, dass sie immer ein Teil dieses Bildes gewesen ist.

 

Sie richtet sich auf, als sie Gabrielle an ihrer Seite spürt und öffnet ihre Arme weit für die Liebe ihres Lebens. Sie umarmen sich eng, liebevoll und vollständig.

 

GABRIELLE

(weiter)

Willkommen zuhause, Xena.

Willkommen zuhause.

 

Ein gleißendes Licht erscheint und die Szene löst sich in Millionen kleiner Teilchen auf, bevor sie in Dunkelheit verschwindet.

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN. TEMPEL DER TUGENDEN - ABEND

 

Gabrielle lächelt als die Vision im Spiegel sich in Nichts auflöst.

 

GABRIELLE

Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um

diesen Traum wahr zu machen, Xena.

 

 

Janos grunzt und erhebt sich von seinem Stuhl. Es ist offensichtlich, dass der Prozess nicht so verläuft, wie er es erwartet hat. Er durchschreitet den Raum und murmelt etwas Unhörbares zu dem Priester, kehrt dann finster blickend zu Gabrielle zurück.

 

Gabrielle grinst.

 

JANOS

Dies ist noch lange nicht zu Ende, Gabrielle.

 

GABRIELLE

So weit es mich angeht, Janos,

war es vorbei, bevor es angefangen hat.

(Pause)

Xena ist eine ehrenwerte Frau.

 Wenn du eine Farce wie diese brauchst

um dir das zu beweisen, dann bitte.  Ich brauche das nicht.

 

Janos grunzt und setzt sich wieder auf seinen Stuhl.

 

JANOS

Wir werden sehen.

 

SCHNITT ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT - TAG

 

Xena erwacht in einem blendenden Schneesturm. Winterödnis so weit das Auge sieht. Im Osten befindet sich eine riesige schwarze Wolkenmasse, anscheinend unempfindlich sogar gegen die eisigen Winde. Im Westen verspricht ein leichtes Erhellen des Horizonts etwas Erleichterung von dem Sturm.

 

Xena trägt ihr Lederkleid, ihre Stiefel und einen Wollumhang. Ihre Rüstung und ihre Waffen fehlen. Der Schnee reicht ihr fast bis zu den Knien und steigt weiter. Sie untersucht die Öde in alle Richtungen, bevor sie sich endlich gen Westen wendet und losgeht.

 

Während sie geht, beginnt sie an etwas vorbeizukommen, was sie als eine lange, wenn auch auseinander gerissene Reihe frierender, verschmutzter und rußbedeckter Menschen identifiziert, die wie sie Richtung Westen gehen.

 

Ein ältlicher, runzliger Mann mit einem langen ausgefransten Bart hebt seine Hand zum Gruß, als sein Blick Xenas trifft.

 

MANN

Kriegerin.

 

Xena nickt.

 

Der Mann blinzelt sie durch den fallenden Schnee an und nickt dann zufrieden zu sich selbst.

 

MANN

(weiter)

Dachte nicht, dass du eine von denen wärst.

 

XENA

Von denen?

 

 

MANN

Den Strolchen, die unser Dorf niedergebrannt haben.

(Pause)

Bastarde.  Wir konnten keine zwei Dinare

zusammenkratzen und sie haben uns dennoch

ausgeplündert und dann niedergebrannt, nur so aus Spaß.

 

Der alte Mann spuckt in den Schnee und wischt dann mit einer Hand über seinen Mund.

 

MANN

(weiter)

Hinter uns ist nur noch der Tod.

Vor uns auch, mit dem Sturm.

 

Der alte Mann seufzt.

 

MANN

(weiter)
Lebe wohl, Kriegerin.

 

Xena hebt eine Hand und der Mann verschwindet im stärker werdenden Sturm.

 

ÜBERBLENDE ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT - TAG

 

Der Sturm hat seine Intensität fast verdoppelt. Xena geht weiter, in den wirbelnden Wind gebeugt. Ihr Kopf ist tief in die Kapuze ihres Umhangs vergraben.

 

Sie sieht auf, als sie einen schwachen Schrei hört. Ein Mann, seine Frau und zwei Kinder kämpfen sich durch den Blizzard. Sie tragen rußbedeckte Lumpen, die wenig tun, um sie vor der bitteren Kälte zu schützen.

 

Ein Kind, nicht älter als vier, schreit, als seine bestürzte Mutter es aus dem Schnee zieht. Sein Gesicht ist von einem rosigen Rot, während seine unbedeckten Hände und Füße zu einem unnatürlichen Weiß erbleicht sind.

 

Die Frau kuschelt das Kind so gut sie kann gegen ihre Brust, aber es ist hungrig und friert und lässt sich nicht trösten.


Xena geht in die Richtung der kleinen Familie und gleicht ihre Schritte ihnen an.

 

Als die Mutter sie sieht, stoppt sie und presst ihren Sohn noch näher an sich, so als ob sie einen Schild heben würde.

 

MUTTER
Wer bist du?  Was willst du?
(Pause)
Wir haben nichts! Sie haben

alles genommen! Bitte, lass uns einfach in Ruhe!

 

Xenas Augen wandern über jeden einzelnen von ihnen. Sie nimmt die hageren, schlaffen Linien ihres Fleisches und den stumpfen, fast leeren Blick in ihren Augen, die zu ihr zurückstarren, wahr.

 
Sie reicht hoch, öffnet ihren Umhang, schwingt ihn von ihren Schultern und hält ihn der Frau hin.

 

XENA
Für deine Familie.

 

Die Frau lehnt sich weg, als ob Xena eine Waffe gezogen hätte und schreit. Das junge Kind in ihren Armen schreit auch, während seine Schwester, ein Mädchen von nicht mehr als sieben Jahren, ihren Kopf gegen die Hüfte des Vaters drückt, ihre Augen fest verschlossen vor Angst.

 

XENA
(weiter)
Nimm ihn.  Er ist warm.

 

 

Die Frau und ihr Mann starren sie weiter an als ob sie ein Dämon geboren aus den Tiefen des Tartarus wäre, und in einer ihnen unverständlichen Sprache sprechen würde.

 

XENA
(weiter)
Komm schon. Nimm ihn.

 

Nach einem langen Moment, macht der Vater einen Schritt nach vorne, seine Haltung die eines geprügelten Hundes, der zu seinem Herren kriecht, unsicher ob er geschlagen oder gelobt werden wird. Er streckt eine zitternde Hand aus und reißt den Mantel aus Xenas Fingern. Der Mann geht schnell zurück und steht nahe seiner Frau und Kinder. Seine Augen sind eingesunken und rund, dunkel und misstrauisch, sogar als er den Umhang fest umkrallt. Er hält ihn sich an die Brust, als ob er fürchtet, sie könnte ihn zurück fordern.

 

Kein Wort des Dankes kommt über seine Lippen.

 
Xena nickt, als ob sie doch welche gehört hätte und zieht weiter ihres Weges.

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN. TEMPEL DER TUGENDEN - NACHT

Gabrielle und Janos beobachten intensiv die Szene, die sich vor ihnen abspielt. Keiner spricht, so gefangen sind sie von dem Drama, das sich vor ihren Augen ausbreitet.

 

SCHNITT ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT - TAG

Der Sturm hat etwas nachgelassen, obwohl er immer noch stark bläst. Als ob der Unterschied wettgemacht werden müsste, hat sich eine betäubende Kälte eingefunden. Xena geht schnell und hält sich durch die Bewegung ihres Körpers warm. Die eisigen Nadeln des Schnees stechen ihr Gesicht und ihren Körper in Abständen. Ihre Augen verengen sich, als sie blutige Fußspuren zu ihrer Linken sieht.

 
In einen leichten Trab fallend folgt sie den Spuren bis sie sie zu der Person führen, die sie gemacht hat.


Es ist ein Mann, so alt, dass er schon fast uralt zu nennen ist. Er ist ausgezehrt. Seine Haut scheint nur durch die Kraft seines Willen an seinen Knochen zu hängen. Sein Hemd ist alles, was er trägt und das ist vom Sturm zu Lumpen gerissen worden. Seine Füße sind nackt und blutig. An seiner Seite befindet sich eine ebenso alte Frau, nur in seine zerlumpte und abgetragene Hemdjacke gewickelt. Ihre Augen sind völlig leer, ohne ein Lebenszeichen darin, und sie bewegt sich nur auf sein Drängen, wie eine Puppe. Es ist deutlich, dass sie an diesem Punkt stehen bleiben würde, bis sie stirbt, wenn er sie loslassen würde.

Aus diesem Grund humpelt er weiter auf gefrorenen und blutigen Füßen, sich nur bewegend, um sie beide am Leben zu erhalten.

Xena nähert sich und der Man wendet sich ihr zu, mit Tränen, die ihm an die dem Wind ausgesetzten Wangen gefroren sind und einem fragenden Blick.

 

XENA
Deine Füße. Du wirst so

nicht mehr lange weiter können.

 



ALTER MANN
Was kann ich tun?  Wenn ich anhalte, werden

wir beide sterben.  Sie wird nicht ohne mich

weiter gehen.  Ich werde nicht ohne sie weiter gehen.
(Pause, flüsternd)
Sie ist alles, was ich habe.

 

Xena sieht ihn genau an. Sie kann die Liebe und völlige Hingabe in seinen Augen sehen. Eine Hingabe zu dieser Frau, die seine Ehefrau ist. Sie erkennt den Blick wieder, weil sie ihn häufiger als sie zählen kann in ihren eigenen Augen gesehen hat, und kommt zu einer Entscheidung.

Sie beugt sich nach unten und zwingt ihre von der Kälte betäubten Finger die gefrorenen Schürsenkel aufzumachen.

 

ALTER MANN
(weiter)
Was tust du?

XENA
Es ist in Ordnung.

ALTER MANN
Aber....

XENA
Es ist in Ordnung.

 

Beide Stiefel geben endlich ihre Füße frei, geschwollen durch die Nässe und die bittere Kälte. Sie richtet sich auf, die Stiefel in der Hand.

 

XENA
(weiter)
Hier. Ich werde dir helfen, sie anzuziehen.

ALTER MANN
Ich kann nicht....


XENA
Doch, du kannst.  Heb deinen Fuß.

ALTER MANN
Aber…

XENA
(langsam, aber mit Nachdruck)
Heb deinen Fuß.  Komm schon.

 

 

Der Mann lässt die Hand seiner Frau los, hebt seinen Fuß und lässt ihn zusammenzuckend in die klaffende Öffnung von Xenas Stiefel gleiten. Sie platziert seinen Fuß darin und bindet dann die Schnürsenkel so eng sie nur kann. Der zweite Fuß ist ebenso schnell bedeckt.

 

XENA
(weiter)
Du musst einen Heiler aufsuchen, so bald

ihr da seid, wo ihr hin wollt,

aber die sollten es für Erste tun.

 

Der alte Mann starrt auf seine Füße, währen frische Tränen langsam seine Wangen hinunterlaufen.

 

ALTER MANN
Ich … Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll..

 

Xena schenkt ihm ein blasses Lächeln und versucht, die scharfen Schmerzen in ihren eigenen nackten Füßen zu ignorieren.

 

XENA
Ich bin froh, dass ich helfen konnte.
(Pause)
Geh jetzt weiter.  Viel Glück für euch beide.

 

Bevor der Mann antworten kann, dreht sich Xena um und rennt Richtung Westen und zu dem Licht, das erneut den Horizont erhellt.

 

SCHNITT ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT - NACHT

Der Sturm hat das Land endlich frei gegeben und die Dunkelheit hat sich vollständig gesenkt, mit einem harten glitzernden Strahlen der hellen Sterne auf dem samtenen Wandteppich des Nachthimmels. Xena rennt weiter. Ihr Atem wird in Dampfstößen aus der Lunge gepresst; ihre Füße, geplatzt und taub, legen eine blutige Spur, der selbst der idiotischste Strolch mühelos folgen könnte. Sie ist hungrig, durstig und der Unterkühlung nahe. Sie rennt um die um sich greifende Müdigkeit zu vertreiben wie auch um sich warm zu halten.

 

Die Nacht ist still, wie nur bitterkalte Nächte es sein können, aber diese Stille wird durchbrochen vom leisen Aufschrei einer jungen Frau. Xenas Sinne horchen auf und sie ändert die Richtung, um ihre Schritte dem Geräusch zuzuwenden.

 

Sie stoppt vor einer Mutter und ihrem neu geborenen Baby, die im Schnee zusammengekauert sind. Die Frau ist in zerfetzten Lumpen gekleidet. Das Baby trägt einen Lendenschurz und nichts weiter.  Seine Haut ist so weiß wie der sie umgebende Schnee, und seine Lippen sind blau. Die junge Frau sieht auf, ihr Gesicht ein gefrorenes Tableau aus Angst und Leid.

 

Xena geht neben ihr in die Hocke, die schreienden Schmerzen in ihren fast gefrorenen Gelenken ignorierend.

 

XENA

Was ist passiert?

 

 

FRAU

Mein…mein Baby… Ich … ich kann ihn

nicht aufwecken....  er will nichts trinken.... 

er will nicht mal schreien....

 

Xena streckt ihre Arme aus.

 

XENA

Darf ich?

 

Die Frau sieht Xena an, verständnislos. Dann, mit einem kleinen, hoffnungslosen Seufzer, reicht sie das Kind hinüber.

 

Xena nimmt das Kind und hält ihn dicht an ihren Körper. Seine Haut ist wie Marmor so kalt und steif, als er reglos in ihren Armen liegt. Sie legt eine Hand auf seine Brust, aber ihre eigene Haut ist zu taub, um feststellen zu können, ob sich seine Brust beim Atmen hebt und senkt. Sie hält sein Gesicht an ihr eigenes, dreht ihre Wange und wartet. Ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Lufthauch wärmt ihre Wange, gefolgt von noch einem und noch einem.

 

FRAU
Ist er…?

XENA
Er lebt, aber er ist sehr kalt.


Die Frau errötet und sieht weg.


FRAU
Ich habe versucht, ihn warm zu halten, aber....


XENA
Ich weiß.

 

Xena hält den Säugling an ihre Brust in dem Versuch ihre eigene magere Körperwärme mit ihm zu teilen. Das Kind bewegt sich leicht und die Augen flattern auf, bevor sie sich wieder schließen.

 

FRAU
Warum will er nicht aufwachen?

XENA
Die Kälte.  Sie macht ihn schläfrig.

 



FRAU
Wird er sterben?

 

Xena sieht der Frau in die Augen. Die Wahrheit ist klar in ihnen zu lesen. Die Frau erbleicht und sieht wieder weg.

FRAU
(weiter, flüsternd)
Bitte… hilf....


Xena gibt den Säugling der Mutter zurück, erhebt sich und greift nach den Trägern ihres Lederkleides. Sie schiebt sie von ihren Schultern und bearbeitet dann die gefrorenen Schnüre mit tastenden, gefrorenen Fingern. Die Schnüre öffnen sich und sie lässt das Leder an ihrem Körper heruntergleiten, bis es in einem Haufen zu ihren Füßen liegt. Sie tritt aus dem Kleidungsstück heraus, nimmt es an einem Träger hoch und geht wieder auf die Frau zu.

 

Die Frau sieht ihr verwirrt zu, reicht ihr Kind aber willig zu Xena zurück. 

Xena nimmt das Kind und steckt es in das Leder. Schnell und eng schnürt sie das Kleidungsstück zu, bis es eng um den Körper des Säuglings passt. Dann nimmt sie den Saum ihres Hemdes und reißt ein langes Stück davon ab. Sie wickelt es um den Kopf des Säuglings, um eine primitive Kappe zu bilden, um so viel Wärme wie möglich in seinem Körper zu halten.

 
Mit ernstem Gesichtsausdruck reicht sie das Baby der Mutter zurück.

 

XENA
Es ist das Beste, was ich tun kann. Du musst

so schnell wie möglich durch die Nacht

wandern und an dem ersten Haus,

zu dem du kommst, anhalten. Wenn er wach wird,

versuch ihn zu füttern. Die Milch sollte ihn
von innen wärmen.

 

Die Frau sieht zu Xena auf, die Augen glänzen vor Dankbarkeit.

 

FRAU
(halb schluchzend)
Danke.  Oh, gesegnet seiest du.

Du hast sein Leben gerettet.

 

Xena schüttelt den Kopf.

 

XENA
Er ist noch nicht in Sicherheit.

 

Xena hilft der Frau auf die Füße und zeigt ihr die richtige Richtung.

 

XENA
(weiter)
Geh, jetzt.  Beeil dich.

 



FRAU
Danke.  Gesegnet seiest du.

Ich werde das nie vergessen. Nie.

 

Xena sieht zu wie die Frau in einen watschelnden, schlurfenden Lauf in Richtung Westen fällt. Einen Moment später folgt sie in ihrem zerfetzten Hemd und sonst nichts.

 

SCHNITT ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT – KURZ VOR DEM MORGENGRAUEN

Xena ist die Nacht durch gerannt, aber es ist klar, dass sie am Ende ist. Ihr ganzer Körper ist gefroren. Ihre Füße hinterlassen weiter blutige Spuren. Ihre Haut hängt schlaff an ihrem Gesicht, ihr Ausdruck ist eine gefrorene Grimasse. Ihre Haut hat die Farbe von frisch gefallenem Schnee und ihre Lippen und Nägel sind von einem dunklen Blau. Ihre Augen sind von grauen Schatten umringt und ihre Lider fallen wiederholt, während sie gegen die verführerische Anziehung eines unterkühlten Schlafes kämpft.

 

Sie stolpert, richtet sich auf, stolpert wieder und fällt in den Schnee. Sie zieht sich hoch, wankt ein paar Schritte weiter, fällt dann wieder hin.

 

 

Diesmal steht sie nicht wieder auf. Die Welt um sie herum wird grau und dann schwarz, als ihr Körper endlich den heldenhaften Kampf gegen den Schlaf und die kalte Hand des Todes aufgibt.

 

SCHNITT ZU:

 

INNEN. TEMPEL DER TUGENDEN – KURZ VOR DEM MORGENGRAUEN

Als das Bild im Spiegel schwächer wird, springt Gabrielle auf, nur um erneut von Janos zurückgehalten zu werden. Sie wischt ihn bei Seite, als ob er nur ein lästiges Insekt wäre und läuft hinüber zu dem Tisch, auf dem Xena reglos daliegt.

 

GABRIELLE
Xena!
(Pause)
Xena, wach auf!

Wach auf, verdammt!

 

 

Xena bleibt reglos. Gabrielle ergreift ihre Schultern und zuckt, als sie die eisige Kälte der Haut spürt; sie schüttelt einmal, zweimal, dreimal. Xenas schlaffer Körper bewegt sich unter der Kraft wie eine Lumpenpuppe.

 

GABRIELLE
(weiter)
Wach auf!!!  Xena, bitte!

Wach auf!!

 

Gabrielle lässt ihre reaktionslose Partnerin los und dreht sich zu dem Priester herum, ihre Zähne im Zorn entblößt.

 

GABRIELLE
(weiter)
Weck sie auf. JETZT!!

 

Der Priester schüttelt langsam seinen Kopf.

 
Gabrielle greift in die Falten seiner Robe und reißt in nach vorne, sodass sie nur wenige Zentimeter voneinander entfernt stehen.

 

GABRIELLE
(weiter)
Ich.  Sagte.  JETZT!!!
(Pause)
Sie stirbt!  Kannst du das nicht sehen?!?

Bist du blind?!?!?

 

 

Janos erhebt sich.

 

JANOS
Gabrielle.

 

Gabrielle dreht sich um, ohne den Priester los zu lassen.

 

GABRIELLE
(knurrend)
Du!

JANOS
Gabrielle, schau.

 

Janos zeigt zum Spiegel.

Gabrielle stoppt, dreht sich dann wieder um, um mit ihren Augen den Spiegel abzusuchen, dessen schwarze Oberfläche sich langsam in ein wirbelndes Grau auflöst. Sie lässt den unglückseligen Priester los und schaut zu.

 

SCHNITT ZU:

 

AUSSEN. XENAS TRAUMLANDSCHAFT - MORGENGRAUEN

Ein junges Mädchen, nicht mehr als ein Kleinkind in weggeworfenen Lumpen, nähert sich einem Körper im Schnee und streckt die Hand aus zu einer eisigen Schulter und piekst sie.

 

MÄDCHEN
Wach auf.

 

Als sie keine Antwort erhält, piekt sie erneut, härter.

 

MÄDCHEN
Wach auf!

 

Der VATER des Mädchens sieht zu und schüttelt den Kopf.

 

VATER
Lass sie in Ruhe, Larissa.  Sie ist tot.

 

Ein Stöhnen kommt von der "Leiche" und Xenas Augen flattern auf.

 

XENA
(heiser)
Noch…nicht…tot.

 

Larissa springt hoch, erschrocken, lächelt dann. Sie reicht ihr einen zerfetzten Lumpen.

 

LARISSA
Nimm.

 

Mit ihrer letzten Energie schüttelt Xena den Kopf.

 

XENA
Nein.  Behalte... es....


LARISSA
Nimm.  Bitte?

 

Xena schüttelt erneut den Kopf.

Larissa wendet sich verwirrt zu ihrem Vater.

 

VATER
(traurig)
Komm, Larissa.  Sie will von

jemandem wie uns keine Barmherzigkeit.

 

Als sie das hört, kämpft Xena, um den Kopf zu heben. Es gelingt ihr nicht und sie fällt zurück in den Schnee.

 

XENA
Nein.  Nicht... darum....  Ihr braucht....

 

Ihre Augen flattern zu, Körper und Geist verausgabt.

 




Larissas MUTTER kommt herbei, um neben ihrem Ehemann zu stehen.

 

MUTTER
Ich verstehe es nicht.

Sie hat alles gegeben.

VATER
Nein, nicht alles.
(Pause)
Sie hat noch ihren Stolz.

So lange daran festhält,

kann ihr keiner helfen.

 

Die Mutter seufzt.

 

MUTTER
So traurig.

VATER
(Achsel zuckend)
So ist das eben.
(zu Larissa)
Komm, Kind.  Wir haben noch

einen langen Weg vor uns, bis

wir zum Dorf kommen.

 

Das Kind dreht sich eigensinnig vom Vater weg und stößt Xena noch einmal, so lange, bis die Kriegerin ihre Augen öffnet. Sie hält ihr die Decke hin.

 

LARISSA
Nimm.  Bitte?

 

 

Als Xena in die dunklen, ernsten Augen des Kindes blickt, erkennt sie, dass Nehmen manchmal genauso wertvoll wie Geben sein kann. Mit letzter Kraft streckt sie die Hand aus, nimmt die Decke und zieht sie über ihre Brust. Das Letzte, was sie sieht ist Larissas strahlendes Lächeln.

 

XENA

Danke... dir....

 


STIMME
(von außerhalb)
Sie hat die Tugend der Barmherzigkeit

zezeigt, sowohl im Geben als auch im Annehmen.

Ich bin sehr zufrieden.  Es ist vollbracht.

 

Die Szene bricht auf in hellen Lichtscherben, die dann wirbeln und in einem tiefen grauen Nebel verschwinden, der sich zu einem matten Schwarz verdunkelt.

 

ABBLENDE.

 

ENDE DES DRITTEN AKTES

 

AKT 4